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10 Fragen an Albert Leichtfried zum Thema Freeriden

Albert Leichtfried ist Bergführer und Extremkletterer. Beruflich und privat zieht es ihn immer wieder auf das DACH TIROLS. Den Pitztaler Gletscher bezeichnet er als „Juwel“ in der Freerideszene. Warum genau? Einfach nachlesen: Viel Spaß!

Bitte stelle dich kurz vor und welchen Bezug du zum Pitztaler Gletscher hast – beruflich und privat.

Mein Name ist Albert Leichtfried, ich bin 44 Jahre alt - Meteorologe, Bergführer und Extremkletterer. Nach einigen Jahren als Profikletterer im Bereich Eisklettern arbeitete ich als Alpinmeteorologe an der ZAMG Innsbruck. Seit 2008 bin ich Mitglied im Ausbildungsteam der Österreichischen Berg- und Skiführerausbildung und seit 2013 leite ich diese als Ausbildungsleiter. Da ich in Marlstein/Ochsengarten im vorderen Ötztal zu Hause bin ist mein Bezug zum Pitztaler Gletscher recht nahe. Immer wieder bin ich vor allem als Bergführer oder Ausbilder in den Gletscherregionen des Pitztales unterwegs. Privat bin ich eher in den tieferen Regionen des Pitztales in den unzähligen Eisfällen zu finden, sobald die Verhältnisse dazu passen.


Bitte stelle auch den österreichischen Bergführerverband vor und erkläre wie der Bezug zum Gletscher aussieht.

Der Österreichische Bergführerverband umfasst knapp 1600 Mitglieder und ist ein Zusammenschluss aller in Österreich autorisierten Bergführer. Diese Autorisierung erlaubt es dem Bergführer selbstständige Führungstätigkeiten in allen alpinen Disziplinen anzubieten oder durchzuführen. Die Bergführerausbildung stellt eine intensive Ausbildung im Bergsportwesen mit 97 Ausbildungstagen und Praxiswochen aufgeteilt auf 3,5 Jahren dar. Als Eintritt ist eine 5-tägige Aufnahmeprüfung in den Bereichen Skitour, Skitechnik, Eisgehen, Eisfallklettern, Sportklettern, Alpinklettern, Felsgehen zu absolvieren und ein Tourenbericht mit den entsprechenden Anforderungstouren abzugeben. Von den über 100 Teilnehmern der Aufnahmeprüfung schaffen es in der Regel zwischen 25 und 35 in die Ausbildung.
Im heurigen Winter war die Ausbildung zwei Mal am Pitztaler Gletscher zu Gast. Es wurde jeweils der 7-tägige Freeridekurs der Jahrgänge 2017-2020 und 2018-2021 absolviert. Einmal als Nachtrag aus dem Märzlockdown vom März 2020, welcher im Dezember 2020 stattgefunden hat und einmal der Nachtrag zum abgesagten Kurs vom März 2021 am Arlberg, welcher im April 2021 am Pitztaler Gletscher abgehalten wurde. Durch die Höhenlage und das alpine, anspruchsvolle, durchaus wilde Freeridegelände hatten die Teilnehme eine recht intensive aber sehr lehrreiche Zeit im Pitztal.


Du bietest Freeridekurse an, wie sehen diese aus? Erzähl uns ein bisschen darüber.

Ich selbst habe zusammen mit meiner Frau Veronika in Ochsengarten das „alpine spirit center“ gegründet, an dem wir Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene im Freeriden und Tourengehen anbieten. Dabei gibt es zum einen Kurse zum Verbessern der Technik, zum anderen auch Kurse zum Erlernen der Tourenplanung, dem Entscheidungsprozess und Routenwahl und natürlich auch dem Rettungsmanagement zum Thema Lawine.

Direkt im "alpine spirit center", auf unserer Homepage oder über facebook sowie auf meiner persönlichen Website unter www.albertleichtfried.at findet sich ein Portrait von meinen Aktivitäten und individuelle Möglichkeiten für Touren.

Der Pitztaler Gletscher ist vermutlich nach dem Arlberg die Freeridedestination in Österreich. Die Möglichkeiten sind vielfältig, vor allem am Winterbeginn und am Winterende finden sich oft unvergleichbare Verhältnisse durch die Höhenlage.


Warum ist der Pitztaler Gletscher deiner Meinung nach noch ein unbekannter Juwel in der Freeride Szene?

Unbekannt deswegen, weil die Szene noch nicht wirklich auf das Potential der Region aufmerksam geworden ist. Ein Juwel deswegen, weil es durch die Höhenlage mit den Startpunkten weit über 3000m und Talankunft bei 1740m extrem lange Runs sind und das Ambiente der Abfahrten stets rauh, wild und anspruchsvoll ist.


Freeriden und Corona. Gibt es hier eine Trendentwicklung in mehr „Freiraum spüren wollen“?

Ich denke nicht, dass sich dieser Trend in der Coronazeit verändert hat. Den Trend weg von der Skipiste und hin in die freie Natur beobachte ich bereits seit den 90iger Jahren und die Entwicklung ist exponentiell steigend. Corona brachte natürlich eine Verstärkung des Andranges beim Tourengehen. Heuer gab es die bisher größte Anzahl an verkauften Tourenski. Freeriden braucht ja auch Aufstiegshilfen und durch das eingeschränkte Angebot in vielen Gebieten war auch das Freeriden in vielen Regionen heuer „back to the roots“ mit Aufstieg vom Tal und einer Abfahrt, ganz so wie in den 50iger Jahren.


Was sollte man als Anfänger beachten?

Auf jeden Fall sehe ich durch den großen Boom viele Freerider im Gelände, die weder eine Ahnung von der Natur und deren Gefahren haben, noch eine Ausbildung in diese Richtung gemacht haben. Dadurch entstehen oft skurrile und gefährliche Situation, welche nicht notwendig wären, würden sich die Anfänger besser ausbilden lassen bzw. an die Schwierigkeiten und Herausforderungen langsam herantasten. Die „ich will alles und das jetzt“ - Gesellschaft ist auch unter den Freerider präsent. Doch die Natur ist stets stärker und lächelt oft über diese menschliche Schwäche.


Welche Tipps hast du für den Freeride-Profi?

Die Profis wissen eigentlich selbst ganz gut was sie tun. Sie planen ihre Aktionen sehr akribisch und warten oft Jahre lang auf den passenden Tag bzw. die passenden Verhältnisse für die harten Lines und großen Herausforderungen. Da ist es schwierig allgemeine Tipps zu geben, diese könnten für den Moment oder die Situation überlegt sein.


Welches Equipment ist immer ein MUSS beim Freeriden?

Das Standard-Equipment beim Freeriden umfasst vom Ski bis zur Jacke alle Facetten. Ein Muss sind Lawinenverschüttetensuchgerät, Rucksack mit Schaufel und Sonde, natürlich muss der Style bei der Bekleidung zum Freeriden tauglich sein, breite Ski mit entsprechender Bindung und Freerideschuhen sind Standard und für die harten Lines ist der Rückenprotektor und Helm dabei.


Welche Route ist am DACH TIROLS dein Favorit?

Die Hauptrinne am Mittagskogel ist mein Favorit. Vom Gipfelkreuz sieht man die 1400 Höhenmeter direkt bis zum Exit nach Mittelberg und die direkte Abfahrt im immer nordseitig ausgerichteten, perfekten Skigelände ist ein Traum!


Allfälliges, dass du uns noch mitteilen willst …

Das Pitztal bietet ein einzigartiges Ambiente, nicht nur fürs Freeriden, sondern auch für viele andere Disziplinen des Bergsportes und Erholungstourismus. Es ist ein spezielles Ambiente – wild, rauh – ruhig und einsam zu gleich.
Ich denke, die Locals wissen oft wenig von diesem Potential, dass für mich die Zukunft des Tourismus in diesem Tal sein könnte, denn mit dem Massentourismus wie in anderen Skiorten wird das Pitztal nicht konkurrieren wollen und auch nicht können.



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